Manuela Gries

In einem durchschnittlichen Vollzeitjob verbringen wir rund ein Drittel unseres Tages auf der Arbeit, rund ein Drittel mit dem Arbeitsweg und Haushaltsführung inklusive des Einkaufs sowie gegebenenfalls Versorgung der Familie. Das letzte Drittel bleibt – im besten Fall – für Schlaf. Wo bleibt da Zeit für Ausgleich? Selbstfürsorge? Hobbies? Tatsächlich können wir theoretisch schon sehr viel Arbeit von Maschinen ersetzen lassen. In meinem eigenen Beruf als Bibliothekarin wären es etwa 95 %. Ich könnte meine Arbeit also von einer künstlichen Intelligenz machen lassen, mich für bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen und mich dann zurücklehnen. Wie fast alle in unserer Gesellschaft. Theoretisch. Mein persönlicher Eindruck zeigt aber, dass die meisten Menschen eine Arbeit ausführen wollen. Es gibt unserem Tag eine Struktur und uns als Menschen das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und dafür belohnt zu werden, zum Beispiel in Form von Anerkennung oder Gehalt. Außerdem kann, ganz besonders im Kontakt mit anderen Menschen, eine Maschine nicht das leisten, was ein Mensch kann: Nämlich Empathie und uns womöglich völlig unbewusste Verknüpfungen z. B. auf chemischer Ebene, die wir alle brauchen. Aus meiner Sicht ist es also nicht sinnvoll, nur noch Maschinen für uns arbeiten zu lassen. Doch unsere Arbeit sollte uns auch nicht unser hauptsächlicher Lebensinhalt sein, bis er uns ausbrennt. Wir sollten arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. Wir sollten den Rest unseres Lebens gut damit vereinbaren können und nicht nur „dazwischenschieben.“ Deswegen täte unserer „Norm“ von Arbeit aus meiner Sicht eine Sanierung gut. Wir sollten unsere Arbeitszeit flexibel gestalten dürfen, ohne dadurch Nachteile zu erhalten, z. B. in Form eines Grundeinkommens, dass man mit Arbeit aufstocken kann. Rund 40 Stunden in der Woche dürfen zwar gemacht werden, sollten aber keine Norm sein. Denn oft zeigt sich, dass Menschen so lange gar nicht leistungsfähig sind. Das erfahre ich selbst: Ich habe meine Stunden reduziert, bin dadurch mindestens genauso produktiv wie vorher, aber wesentlich entspannter, motivierter und üblicherweise aus ausgeruhter, weil ich mehr Ausgleich bekomme. Ich glaube, auf dem Weg zu menschenfreundlicher Arbeit ist schon viel passiert, aber wir können es noch besser machen.