Manuela Gries

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich mich nicht wie ein Mensch gefühlt habe, sondern wie eine leere Hülle, die dafür da ist, den Vorstellungen anderer zu entsprechen. Zum Beispiel, welche Musik mir zu gefallen hat. Welchen Sport ich zu treiben habe. Welches Essen mir zu schmecken hat. Wieviel ich zu wiegen habe und wie ich aussehen soll. Diese Vorstellungen haben nie mit meinen eigenen übereingestimmt. Mir wurde zu oft gesagt, meine eigenen Vorstellungen davon seien minderwertig. Da ich zu dieser Zeit sehr unsicher war, habe ich mich dem gebeugt. Und mich damit von mir selbst entfernt. Ich habe mich selbst nicht mehr gespürt, sondern nur noch den Druck, in das Bild anderer zu passen. Ich kam mir nicht mehr vor wie ein selbstständiges Wesen, sondern wie eine Marionette äußerer Einflüsse. Und immer, wenn ich selbst darunter zum Vorschein kam, wurde das aggressiv abgewehrt. Erst später habe ich gelernt, dass solches Verhalten Missbrauch ist. Und gelernt, dass meine eigenen Vorstellungen, Werte und Vorlieben in Ordnung sind. Und dass ich mich nur, wenn ich sie lebe, wie ein vollständiger Mensch fühle. Menschsein bedeutet für mich also, selbstbestimmt zu sein. Zu wissen, dass ich meine eigenen Gedanken denke. Dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe. Dass ich meine eigenen Gefühle fühle. Dass ich mich auf meine Gefühle verlassen kann. Denn auch nur, wenn ich „ich selbst“ bin, kann ich mich mit all meiner Menschlichkeit in eine Gemeinschaft einbringen.